Jürgen Raap

Anmerkungen zum Kunstprojekt "Auszeit der Demokratie"

Als der Dichter Klabund mitten im Ersten Weltkrieg in einem "Offenen Brief" Kaiser Wilhelm II. zum Friedensschluß aufrief, hatte sich in Deutschland zum ersten Mal ein Künstler und Intellektueller nicht innerhalb eines rein literarischen bzw. ästhetischen Mediums, sondern "öffentlich" in das politische Geschehen eingemischt. Ein Jahrzehnt später schrieben Kurt Tucholsky und Erich Kästner gegen die drohende Katastrophe des Nazismus an - ohne sie verhindern zu können. Dennoch - jene "Betroffenheit", die Heinrich Böll immer wieder hinsichtlich des politischen Geschehens ausgedrückt hatte, war für die "Neuen Sozialen Bewegungen" der achtziger Jahre bewußtseinsschärfend. Seit Mitte der sechziger Jahre ist Burg Waldeck regelmäßiger Treffpunkt politisch engagierter Liedermacher, doch die jüngste Veranstaltung im Sommer diesen Jahres verlief resignativ. Tenor der Debatte: Kampagnen wie "Arsch huh, Zäng useinander" der Kölner Music-Scene hätten zwar wichtige Signale gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassismus gesetzt, jedoch auch nicht verhindern können, daß in Solingen und anderswo weitere Häuser nicht-deutscher Bewohner angezündet wurden.

Eine Demokratie funktioniert nur, wenn eine Transparenz des Informationsflusses geleistet ist - als die Schreckensbilder von Rostock, Mölln und Solingen um die Welt gingen, bewahrheitete sich fataler Weise die These des Medienwissenschaftlers McLuhan vom "globalen Dorf" durch mediale Vernetzung. Die Kunst ist ein Teil dieses Kommunikationsprozesses; sie kann bildlich verschärfen, wo die Medien die Verniedlichungsversuche der Politiker transportieren, wenn diese verharmlosend von "Übergriffen" reden, wo es sich um Mordversuche handelt und wo man um der außenpolitischen Reputation willen in der Beurteilung der Brandstifter an einer Einzeltäter-Theorie festhält, die von manchen Soziologen bestritten wird.

Greift die Kunst die Gefahr einer "Auszeit der Demokratie" auf, so ist sie eben nicht einem distanzierenden Objektivismus verpflichtet, ebensowenig aber auch einer ritualisierten Bekenntnishaftigkeit. Ihre Aufklärungsfunktion ist auch keine bloß didaktische, und ich denke, daß machen auch die verschiedenen Ausstellungs- und Performancebeiträge zu diesem Kunstprojekt deutlich. Wir pochen zu Recht immer wieder auf die Freiheit der Kunst, wenn z.B. versucht wird, einzelne Künstler mit Pornografievorwürfen oder Verletzung religiöser Gefühle, Graffiti-Sprayer wegen Sachbeschädigung etc. strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen. Doch kann sich die Kunst angesichts der derzeitigen innenpolitischen Situation nicht darauf beschränken, sich Freiräume als Nischen sichern zu wollen. Wir können in den Schriften von Michail Gorbatschow nachlesen, daß seine Perestroika-Politik insofern eine Demokratisierung leisten wollte, indem aus den Relikten des Totalitarismus sich eine angstfreie Gesellschaft herausbilden sollte. Ohne dies nun weiter bewerten zu wollen, ergeben sich daraus die Schlüsse: eine wirklich freie Kunst kann sich nicht in einem Klima der Angst entfalten, und eine wirklich freiheitliche Demokratie kann nicht funktionieren, wenn bestimmte Bevölkerungsgruppen, seien es ethnische oder nationale Minderheiten, seien es soziale "Randgruppen", in Angst und Gefährdung leben müssen. Auf groteske Weise paart sich diese Angst mit jener der Politik- und Wirtschaftsprominenz, die sich hinter einem menschlichen Schutzwall von Leibwächtern und in ihren Bungalows hinter NATO-Stacheldraht verschanzen muß.

"Angst macht Schweigen", formulierte der französische Theaterdichter Alfred Jarry. Es ist das Schweigen der Mehrheit, das in die Katastrophe führt, das tatenlose Zusehen der Gaffer im einen, das der Weltöffentlichkeit im anderen Fall. Wenn die Demokratie sich in einer Auszeit-Situation befindet, so hat dies mit einem Verlust an Kultur zu tun, weil diese nämlich eine zivilisatorische und humanitäre Klammer bildet, den Boden eines Konsenses und einer Konvention zur Konfliktbewältigung, bei der Barbarismen als Tabu gelten. Die Tabuverletzungen in der Kultur und in der Kunst sind immer nur symbolisch gemeint, nie real: der Schauspieler, der Shakespeare's "Othello" spielt, hat selbst keine kriminelle Energie in sich. Insofern ist die Bühne, was das klassische Theater angeht, ein Freiraum. Doch will das politische Theater über diese Bühnensituation hinaus belehrend in die Gesellschaft hineinwirken, wie auf anderer Ebene der Performance-Künstler aus dem direkten Erleben politischer und gesellschaftlicher Realität seinen gestisch-aktionistischen Fundus gewinnt, und jedes gemalte oder fotografierte Kunst-Bild nicht nur eine rein ästhetische oder künstlerische Komponente, sondern auch eine zeitgeschichtliche hat.

Im Stadtmuseum von Brugge schaute ich mir kürzlich altflämische Malerei des späten Mittelalters an mit einem realistisch anmutenden Szenario von Folterszenen in der Darstellung religiöser Motive. Als Illustrierten- oder TV-Bilder in den heutigen Medien hätte das Grauenvolle daran "automatisch" auch einen sensationslüsternen Touch, der jedoch den Zeitgenossen des 15. Jahrhunderts fremd war - die Monstrositäten in dieser mittelalterlichen Bildwelt waren als Abschreckung gedacht. Aber kann heutige Kunst überhaupt noch abschrecken innerhalb ihres didaktischen Auftrags zur Aufklärung? Gewiß ist das Museum, ist jeder andere Ort, an dem Ausstellungen stattfinden, kein Platz zur ethischen Festigung, wenn bereits anderswo in der Gesellschaft Versäumnisse und Defizite zu sozialen und kulturellen Verwerfungen geführt haben. Künstler können nicht das korrigieren, was Pädagogen und Politiker, anderswo auch Stadtplaner und Architekten, nicht geleistet oder falsch gemacht haben.

Wichtig ist die Beteiligung der Kölner Schülergeschichtswerkstatt an dem vorliegenden Projekt, und gerade hier wird sich dann zeigen, ob Kunst als Anschauungsmaterial bestimmte Inhalte mit größerer Eindringlichkeit zu vermitteln vermag als im Vergleich dazu etwa bildjournalistisches Material. Die individuelle Berührtheit (ich möchte das mittlerweile arg abgegriffene Wort "Betroffenheit" vermeiden) hängt immer davon ab, wie hoch der Grad an Abstraktheit des Erlebten oder Wahrgenommenen ist. Es ist die Unmittelbarkeit von Ereignissen, die den Blick schärft. Zwar stellt die Kunst in jedem Fall den Entwurf einer eigenen Realität dar, d.h. sie bildet niemals Realität einfach nur ab im naturalistischen Sinne, aber sie kann - und soll - eben auch eine vergleichbare Unmittelbarkeit von Wahrnehmung leisten.

Als nach der Trauerfeier für die Mordopfer von Solingen auf der Venloer Straße Dutzende von Schaufensterscheiben größtenteils von türkischen Jugendlichen eingeworfen wurden, ging hinterher der Besitzer eines türkischen Kebap-Grills zu seinem Nachbarn, einem deutschen Kneipenwirt, und sagte: "Ich schäme mich für meine Landsleute." Der Kneipenwirt erwiderte: "Ich schäme mich auch für meine Landsleute."

Einführung       Die Künstler       Die Sponsoren       Jürgen Kisters       Dr. Werner Peters